Die Neue Stammesgesellschaft

Wir leben im globalen Dorf. Den Begriff hat der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan in den sechziger Jahren geprägt, lange bevor es das Internet gab. Dass das Leben im globalen Dorf vielleicht doch nicht so ganz lustig sein könnte, habe ich vor zehn Jahren zum ersten Mal geahnt. Da erinnerte ich mich nämlich, wie das Leben auf dem Dorf war, dem ich aufgewachsen bin, von meinem siebten bis zu meinem 15. Lebensjahr. Es war nicht schön. Ständig gab es Gerüchte über alle möglichen Leute, jeder schien alles über jeden zu wissen und es gab ein starkes Bestreben, Abweichungen von der Norm zu verhindern.

Leben im Globalen Dorf
Das gleiche Phänomen haben wir heute auf globaler Ebene. Marshall McLuhan hat vorausgesagt, dass sich die Menschheit durch die elektronischen Medien (und das waren damals nur Radio und Fernsehen!) wieder zu einer oralen Gesellschaft entwickeln würde.  Das Verständnis der Menschen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert war geprägt durch das Medium des Buchdrucks. Diese literale Gesellschaft ist durch eine starke Fragmentierung der sinnlichen Wahrnehmung und durch die Dominanz des Sehsinns und gekennzeichnet. Dadurch kann sich der Mensch der literalen Gesellschaft gedanklich außerhalb seiner Umwelt stellen, er kann sogar sich selbst betrachten und darüber reflektieren. Menschen oraler Gesellschaften erleben die Welt völlig anders. Ihre Sinne funktionieren eher als Einheit. Sie leben nicht getrennt von dem, was sie umgibt. Sie können sich nicht davon distanzieren und sie sind zu abstraktem Denken nicht fähig. De facto leben sie in einer völlig anderen Welt. Ihre Maßsstäbe unterscheiden sich radikal von denen der literalen Gesellschaft: „Alles betrifft alle gleichzeitig und deshalb sind alle ständig in Panik,“ sagt Marshall McLuhan über die Menschen im Globalen Dorf.

Die Stammeskultur
Die orale Gesellschaft ist in Stämmen organisiert. Der Stamm ist dem Stammesmitglied alles. Er gibt ihm was er braucht – Identität, Sicherheit, Schutz, Geborgenheit und Lebenssinn. Er ist die Quelle aller Werte und der Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit und keine Werte außerhalb des Stammes. Das Gemeinschaftsgefühi ist stark ausgeprägt, die Individualität reduziert. Der Stamm braucht eine starke zentrale Figur, welche die Richtung bestimmt, Verantwortung übernimmt und mit der sich die untergeordneten Stammesmitglieder identifizieren können. Das Stammesmitglied verteidigt den Stamm gegen alle tatsächlichen oder vermuteten Angriffe.

Diese Beschreibung der Stammesgesellschaft passt erschreckend gut auf das Verhalten, das ich bei modernen faschistoiden Bewegungen erkenne. Ein Rundfunkreporter fragte einen in Deutschland lebenden Anhänger Erdogans vor der letzten Präsidentschaftswahl der Türkei, was er über Erdogan denke. „Er macht alles richtig, egal was er tut,“ war die Antwort. Menschen, die so denken, sind mit Argumenten nicht erreichbar. Argumente sind etwas aus der Zeit der literalen Gesellschaft, also etwas Anachronistisches. Das haben die Verteidiger der freiheitlichen Gesellschaft leider noch nicht verstanden. Der Erfolg von politischen Figuren wie Duterte auf den Philippinen, Orban in Ungarn oder Trump in den USA sind nicht zufällig. Es sind die ersten, die die Zeichen der Zeit nicht nur erkannt haben, sondern auch für sich nutzen. Sie sind nicht Regierende, sondern Herrscher. Ihre Machtbasis sind nicht Wähler, sondern Anhänger. Sie überzeugen nicht durch Argumente, sondern durch maßgeschneiderte Lügen (alternative Fakten). Und Realtität ist nichts anderes mehr als das, was die Leute gleuben.

Die Transformation des Menschen
Die neuen Herrscher könnten nicht herrschen, wenn es nicht Menschen gäbe, die bereitwillig über sich herrschen ließen. Die modernen Medien entwöhnen den Menschen vom Denken. Das Übermaß an Information überfordert und ängstigt sie. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich ein kritisches Urteil zu bilden. Sie suchen etwas, das es faktisch nicht gibt: einfache Wahrheiten in einer komplizierten Welt. Die neuen Herrscher liefern ihnen was sie suchen.

Und nicht nur vom Denken werden Menschen zunehmend entwöhnt. Die Stammesgesellschaft kennt keine Privatsphäre. Wer Facebook intensiv nutzt, sein Privatleben im World Wide Web ausbreitet, und überhaupt in der virtuellen Welt mindestens genauso (und oft mehr) zuhause ist wie in der realen, gibt seine Privatsphäre weitgehend auf. Wer auf Privatsphäre völlig verzichten will, lässt seine Gespräche von Alexa und ihren Kolleginnen aufzeichnen.

Ich habe mich lange gewundert, wie solche Sendeformate wie „Big Brother“, „Dschungelcamp“ oder „The Bachelor“ erfolgreich existieren können. Wer, um alles in der Welt, fragte ich mich, macht bei so etwas mit? Es ist der moderne Mensch, dem Privatsphäre nichts mehr bedeutet. Und wer ist so geschmacklos, sich solchen Unsinn anzuschauen? Die Mehrheit.

Die Gefährdung der freiheitlichen Gesellschaft
Die freiheitliche Gesellschaft ist ungeheuer leistungsfähig und garantiert ein nie dagewesenes Maß an persönlicher Freiheit und Wohlstand. Sie basiert freilich auf eine sehr komplexen Grundlage. Dazu gehören Dinge wie, Gewaltenteilung, Mitbestimmung, Gleichberechtigung, kritisches Denken…

Nachdem die Basis dieser Gesellschaft jedoch zunehmend erodiert, bezweifle ich, dass sie sich noch lange hält. Die modernen Medien, allen voran das Internet, verändern die Gesellschaft mit unwiderstehlicher Kraft. Der aufgeklärte, gebildete, humorvolle, selbstkritische und engagierte Mensch der Moderne ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Momentan ist er in den Medien noch etwas überrepräsentiert. Aber vielleicht scheint mir das nur so, weil ich mich zu selektiv informiere…

Was folgt nach der freiheitlichen Gesellschaft? Die Programme der neuen aufstrebenden Herrschaft basieren alle auf dem Prinzip der Ungleichheit. Ihre Macht beruht auf der Fähigkeit, wirkungsvolle Feindbilder zu schaffen und am Leben zu halten. Minderheiten,  Andersdenkende und andere Gesellschaftmodelle sind dafür immer recht gut zu gebrauchen.

Der jahrzentelange Frieden in Europa und in relativ vielen Teilen der Welt basierte auf einer Diplomatie des Ausgleichs und ebenso rationaler wie humaner Entscheidungen. Sollten sich die gegenwärtigen Tendenzen verstärken – und ich sehe nichts, was geeignet wäre sie aufzuhalten – sieht es schlecht aus für den Frieden.

Etwas, das Stammesgesellschaften traditionell geprägt hat, sind Stammeskriege.

 

 

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