Fiktion formt Wirklichkeit

Als junger Mensch lernte ich Kochmützen kennen. Die traditionelle Kopfbedeckung der Köche war damals eine hohe Röhre aus weißem Baumwollstoff. Der untere Teil war glatt, der obere vertikal gefaltet. Diese Mützen wurden nach dem Waschen gestärkt und sorgfältig gebügelt. Sie hatten dann die Festigkeit von hartem Papier oder leichtem Karton. Nur in diesem Zustand würde ein professioneller Koch seine Mütze aufsetzen.

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Wider die Dummheit

Alte Hoffnungen sind schwer loszulassen. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den 50er Jahren aufgewachsen bin. Dieser Gedanke, dass jede Generation ein wenig klüger ist, dass jedes Jahrzehnt etwas mehr Fortschritt bringt und dass die Welt insgesamt doch irgendwie auf einem guten Weg ist. Er ist mir so lieb und teuer. Wenn ich ehrlich bin, sieht es aber meist nicht danach aus. Heinrich George soll gesagt haben, wer mit 45 Jahren noch nicht gemerkt hat, dass er von lauter Idioten umgeben ist, merkt dies aus einem bestimmten Grund nicht.

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Das globale Dorf

Als ich zum 1. Mal in Marburg war, ging ich staunend durch die schöne Altstadt. Viele der Häuser waren aus dem 18. Jahrhundert oder älter. Wie schön dachte ich, wie schön muss es doch gewesen sein, damals zur Zeit von Goethe zu leben. Doch dann kamen mir rasch Zweifel. Wie eng doch die Häuser zusammenstehen! Wie sehr die Leute einander nicht nur durchs Fenster, sondern wie sie sich gegenseitig gewissermaßen in den Suppentopf geguckt haben müssen! Tratsch und Gerüchte, erdrückende gegenseitige soziale Kontrolle, Unfreiheit, Duckmäusertum, Spießigkeit, Selbstgerechtigkeit, Heuchelei – diese Gedanken kamen wie eine Lawine über mich. Nein, es war sicherlich nicht schön, zu Zeiten von Goethe in Marburg zu leben. Die Idylle hübscher Häuser täuscht.

Die relative Freiheit, die wir gegen Ende des 20. Jahrhunderts genossen haben, war mir da schon sehr viel lieber. Man konnte mehr oder weniger machen was man wollte, solange man dadurch niemandem schadete. Es gab so etwas wie Privatleben, Toleranz und Respekt.

Doch leider ist diese Zeit vorbei. Wir sind wieder im 18. Jahrhundert gelandet. Tratsch und Gerüchte, gegenseitige soziale Kontrolle, Unfreiheit, Spießigkeit, Selbstgerechtigkeit und Heuchelei – sie feiern im Internet fröhliche Urständ. Ich muss nur verschiedene Fora besuchen und mir für eine kurze Zeit die Kommentare ansehen. Lange halte ich das eh nicht aus. Meist findet ein Wettbewerb in den Disziplinen Eitelkeit und Niedertracht statt. Die Versprechungen des Internets vom globalen Dorf haben sich auf eine für mich erschreckende Art und Weise erfüllt.