Meine Heimat

Geboren bin ich in der saarländischen Kleinstadt Bexbach; meine Mutter brachte mich in ihrem Ehebett zur Welt. Das Schlafzimmer lag über der großen Schankstube der Gastwirtschaft „Pfälzer Hof“, den sie und ihre Familie bewirtschafteten. Im Alter von 3 Jahren kam ich zu meinen Großeltern mütterlicherseits nach Völklingen-Geislautern. Dort lebte ich bis zum Besuch der ersten Schulklasse. An der Hand des Großvaters – eines früh pensionierten Justizbeamten und leidenschaftlichen Spaziergängers – durchwanderte ich eine Welt voller Wunder. Von meinem Großvater lernte ich die tiefe Liebe zu Natur, Literatur und Kunst.

Ab meinem  siebten Lebensjahr wohnte ich bei meinem Vater und dessen zweiter Frau in Buchmühlbach. Der Ort mit damals etwa 1500 Einwohnern liegt in der Westpfalz, an der Landstraße zwischen Landstuhl und Homburg/Saar. Aus meiner Zeit in Buchmühlbach stammt meine Abneigung gegen das Dorfleben. Ich verließ das Dorf mit 15 Jahren.

Ich erinnere mich an einen Besuch in Bruchmühlbach, bei dem ich mich sehr erschrocken habe. Ich war etwa 20 Jahre alt. Etliche ehemalige Schulkameraden waren – ich konnte es kaum fassen – verheiratet! Hannelore, mit den langen schwarzen Zöpfen: verheiratet. Dagmar, der ich noch am ehesten zugetraut hätte, dass sie dem Ruf in die Welt folgen würde: verheiratet! Ich war fassungslos. Wie kann man sein Leben so früh schon wegwerfen, dachte ich.

Und dann die Themen meiner ehemaligen Schulkameraden! Die Frau unseres ehemaligen Klassenlehrers habe einen Liebhaber, einen jungen Mann aus dem Nachbardorf. Den wolle man einmal abends abpassen und ihm eine Tracht Prügel geben – nur mal so. Ich erinnere mich, dass dieser Lehrer während des Unterrichts hin und wieder über Eheprobleme gesprochen hatte. Für uns Kinder war das damals völlig unverständlich. Heute weiß ich, er hatte über seine Impotenz geklagt.

Es ist ein kurzer Besuch gewesen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und die Betzmühle aufgesucht. Ich beugte mich tief hinunter und streckte meine Hand in das klare, kühle Wasser des Stauteichs. Hier hatte ich früher Kamm- und Fadenmolche gefangen. Ich stieg den mit Mischwald bestandenen Berghang hinauf und  legte meine Hand an die Rinde einer bestimmte Fichte, in deren Stamm ein kleines Volk von bedächtigen großen Holzameisen lebte. Ich ging in das Bruch und setzte mich still an den Rand eines unergründlich dunklen, von Birken umstandenen Kolks. Solche Orte sind Schätze der Erinnerung aus meiner Zeit im Dorf. Wenn es mir als Kind schlecht ging, verlor und fand ich mich in der Natur.

Mir sind in meiner Jugend immer wieder Menschen begegnet, die ihr Leben so zielstrebig angegangen sind, wie meine ehemaligen Schulkameraden. Sie erlernten tüchtige Berufe, suchten sich wirtschaftlich interessante Ehepartner, heirateten entschlossen und sprachen stolz über ihre Lebenspläne: Hausbau, Kinder, Wohlstand, frühzeitiger Ruhestand. Immer sah ich bei solchen Schilderungen gleich die unvermeidlichen letzten drei Stationen: Alter, Siechtum, Tod. Und in der perspektivischen Verkürzung schien mir ein solches Leben mit schrecklicher Unerbittlichkeit zu verlaufen, ohne Ausweg, ohne Überraschung, bar jeden Wunders. Ich floh solche Menschen, wenn immer ich nur konnte.

Und nun bin ich doch immer mehr von solchen Menschen umgeben. Es sind freundliche, sympathische Leute. Sie haben ihre Ziele erreicht und scheinen zufrieden damit zu sein. Und doch ist da etwas zwischen uns wie eine unsichtbare Wand, ein tiefer unüberwindlicher Graben zwischen uns.

Sicherlich hat es auch damit zu tun, dass die meisten von ihnen am gleichen Ort wohnen, in dem sie geboren und aufgewachsen sind, wo sie ich die Schule besucht haben, ihren Beruf gelernt gearbeitet haben oder wohin sie nach dem Studium zurückgekehrt sind.

Meine Heimat hingegen ist kein Stück Erde, kein Ort, kein Haus. Meine Heimat ist ein Gefühl, eine Sehnsucht, ein Nicht-Ort. Ich bin zu Hause im Empfinden der Schönheit, ich fühle mich geborgen in der Hoffnung an das Gute. Mein Haus ist die Sprache, mein Garten die Poesie. Jeder Mensch, der sich darin wohl fühlt, ist mir jederzeit willkommen.

About Eilan

Eilan Belhaus ist Dichter und Wortspieler, Poet und Beobachter. Er erforscht die Welt meditativ und lädt Dich zu seiner Welt ein. Eilan freut sich über Kommentare und darauf, in Deine Welt eingeladen zu werden.
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