Tirade

Angesichts des um sich greifenden Shoppingwahns halte ich unsere Gesellschaft für komplett verwirrt. Laut eine Studie der Universität Stuttgart wirft jeder Mensch im Jahr durchschnittlich 81,6 Kilo Lebensmittel weg. Ca. 40 Prozent der Kleider, die wir in Deutschland in den Schränken haben, werden nie angezogen, sagt Greenpeace. Und wie viele der Bohrmaschinen, Akkuschrauber und sonstigen Werkzeuge, die unter dem Weihnachtsbaum liegen, werden in den Kelleregalen der Möchtegernheimwerker ungenutzt verstauben?

Ich wundere mich schon länger, wie sehr sich das Konsumieren verselbstständigt hat. Es geht gar nicht mehr darum, etwas zu erwerben, das man braucht, das nützlich ist oder sinnvoll. Es geht ums Kaufen an sich. Auf die Frage, welches Hobby sie haben, antworten viele jüngere Menschen übereinstimmend: Shopping.

Der Konsum ist für die Mehrzahl der Leute Lebensinhalt und größte Quelle der Freude geworden. Ich halte diese Entwicklung für komplett irrsinnig. Es zeigt mir auf erschreckende Weise, dass der Übergang vom Menschen zum Konsumenten erfolgreich abgeschlossen ist. Der Mensch ist zu einer Art Nutztier für Industrie und Handel geworden.

Ich bin einmal fahrlässig in einen verkaufsoffenen Sonntag geraten. Die Straßen des Gewerbegebietes waren komplett verstopft; es gab keine Parkplätze mehr. Schnell bin ich von dem Gedanken, im Baumarkt Glühbirnen zu kaufen wieder abgekommen und nach Hause geflüchtet. Seither mache ich einen großen Bogen um jeden verkaufsoffenen Sonntag.

Die letzten Samstage vor Weihnachten sind der blanke Horror für mich, wenn ich Geschenke kaufen gehe – Bücher in einer der letzten verbliebenen Buchhandlungen, Pullover im Kaufhaus. Die modernen Shopping Center versuche ich zu meiden. Es herrscht dort ein unbeschreiblicher Trubel. Sie sind auf eine Art und Weise geschmückt, die mir schon obszön vorkommt. Es glänzt und blinkt, es bimmelt und dudelt, als müsse den Einkaufenden das letzte Restchen Verstand ausgetrieben werden.

In den Discountern beginnt Weihnachten schon Anfang Oktober. Ich vermute, der nächste Schritt wird der sein, dass es zukünftig eigene Abteilungen für Festtagswaren gibt, wo Artikel für Fasching, Ostern, Weihnachten, Sylvester – und nicht zu vergessen für Halloween – ganzjährig angeboten werden.

 

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