Die zwei Seiten des Netzes

Manche Kommentatoren sind der Meinung, das Ausspionieren von Botschaften der Europäischen Union durch die USA sei nur die Spitze eines Eisbergs. Das sind natürlich Vermutungen. Aber man ist geneigt, sie für möglich zu halten.

Das Entsetzen sind deshalb so stark, weil die Dinge, die nun ans Licht kommen, sich so radikal vom europäischen Werteverständnis unterscheiden. Bürgerliche Rechte, Freiheit, Demokratie, Daten- und Persönlichkeitsschutz sind von den Aktivitäten der Geheimdienste und ihren Regierungen zutiefst in den Schmutz getreten worden.

Doch wo kommen diese Werte und Rechte her, deren Verlust wir nun zu Recht beklagen? Ich bin kein Historiker, auch kein wirklich gebildeter Mensch, doch ich leite diese Werte aus der Zeit der Aufklärung her. Es war eine heftige Auseinandersetzung im 18. Jahrhundert, die über einen längeren Zeitraum diese Rechte und Werte den Mächtigen abgerungen hat. Es war die Zeit, in der die absolute Monarchie endete und in der die Bürger erschienen. Eine große Zeit, eine Zeit der Befreiung, eine Zeit deren Errungenschaften unser Leben bis heute prägen – oder muss man sagen, geprägt haben?

Inzwischen haben andere Gedanken als die der Aufklärung die Macht ergriffen. Die Spieltheorie ist ein solcher Gedanke. Und es sind Wirtschaftstheorien, nach denen heute gedacht und gehandelt wird. In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in den USA eine Auseinandersetzung zwischen den Wirtschaftstheorien von Hayek und Keynes.

Im Internet gibt es ein lustiges Video, das die Ansätze von Hayek und Keynes in Form eines Rap-Songs vorstellt. Keynes hat sich durchgesetzt. Die gegenwärtigen Regierungen der westlichen Welt folgen seinen Theorien und nicht nicht Hayeks.

Sowie die Gedanken der Aufklärung ein aufgeklärtes Zeitalter hervorbrachten, bringen die jetzt herrschenden Gedanken der Ökonomie und des Kommerzialismus ein Zeitalter des gnadenlosen Wettbewerbs und des Gewinnens um jeden Preis hervor. Alle anderen Werte werden den kommerziellen Interessen untergeordnet. Die Casting Shows im Fernsehen sind nur verständlich, wenn man sich klarmacht, welche Kräfte heute die Gesellschaft formen.

Freiheit und Menschenrechte haben in dieser schönen neuen Welt keinen Platz mehr. Der Mensch wird zum unbedeutenden Teilchen eines kommerziellen Geschehens, über das er nicht die geringste Kontrolle hat.

Es ist ein neuer Absolutismus entstanden, der seine Untertanen um vieles gründlicher knechtet, als es die alten Herrscher je zu träumen wagten.

Die digitalen Medien und die sozialen Netzwerke des Internet verknüpfen die Menschen heute stärker und gründlicher als irgendetwas je vermocht hätte. Ohne E-Mail, ohne Facebook ohne Twitter oder WhatsApp kann der moderne Mensch sein Leben kaum mehr organisieren. Ein jedes Unternehmen ist auf Internetkommunikation essenziell angewiesen. Forschung und Lehre sind ohne Internet nicht denkbar.

Durch die neuen Enthüllungen ist aber deutlich geworden, dass sich dieses Netz sich auch hervorragend als Fanggerät eignet.

Und alle hängen wir mit drin.

Lesetipp: Frank Schirrmacher: EGO – Spiel des Lebens

Und ganz aktuell: Sacha Lobos Kolumne in Spiegel Online

 

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